E-Mail an Frau Barbara Mächtle
Betreff: E-Mail an Frau Barbara Mächtle, Leiterin der Grundschule Gräfenauschule: Ihr Engagement
Datum: Wed, 25 Jun 2025 17:45:24 +0200
Von: Wolfgang Gerstenhöfer <[email protected]>
Kopie (CC): [email protected], [email protected]
Sehr geehrte Frau Mächtle,
heute habe ich mir die Dokumentation "Schulverlierer - Abgehängt schon in der Grundschule?" angesehen.
Ich drücke Ihnen hiermit meinen Respekt und meine Bewunderung dafür aus, daß Sie die Bereitschaft und den Mut dazu haben, den Kontakt zur Politik zu suchen und zu pflegen, auch mit Hilfe der Medien und der Öffentlichkeit - und vor allem gegen den Widerstand der Kultusbürokratie, die nach meinem Eindruck leider in weiten Teilen im 19. Jahrhundert stecken geblieben ist.
Das ist sicher nicht einfach und kostet viel Kraft, Energie und Zeit, auch Freizeit.
Dafür verdienen Sie Anerkennung und Wertschätzung. Gäbe es deutlich mehr Schulleiter und Lehrer wie Sie, hätten wir längst ein Schulsystem, das nicht immer mehr Schul- und Studienabbrecher und Wähler radikaler bis extremistischer Parteien hervorbringt.
Bildungs- und Schulpolitik sind seit mehr als 40 Jahren ein Steckenpferd von mir, möglicherweise wollte ich deshalb selbst mal Lehrer werden. Es kam dann anders.
Als ich in meiner Heimatgemeinde kommunalpolitisch aktiv war, habe ich als schulpolitischer Sprecher des Ortsverbands und der Ratsfraktion und als Mitglied des Landesfachausschusses für Schule und Weiterbildung meiner Partei versucht, Kontakt zu den Schulen und deren Leitungen in meiner Stadt aufzubauen und zu pflegen.
Leider scheiterte dies an den Schulleitern. Nur eine Leiterin von fünf Schulen war bereit, mit mir zu sprechen. Die anderen empfanden meinen Versuch, mit Ihnen und Ihren Schulen ins Gespräch zu kommen, als eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. So kann und wird sich nichts ändern.
Auch deshalb schreibe ich Ihnen, um Ihnen für Ihr vorbildliches Engagement ganz herzlich zu danken - im Interesse unserer Kinder und damit der Zukunft unserer Gesellschaft, unseres Staates und unserer Wirtschaft.
Machen Sie bitte weiter und lassen Sie sich nicht beirren oder einschüchtern!
Ich wünsche Ihnen persönlich alles Gute, ganz viel Glück und Erfolg und vor allem Gesundheit und Zufriedenheit.
Mit Hochachtung und freundlichen Grüßen
Ihr Wolfgang Gerstenhöfer
https://gerstenhoefer.jimdofree.com/
Der Beitrag zeigt für mich sehr deutlich, daß unsere Bildungs-, Erziehungs-, Jugend-, Kinder- und Schulpolitiker versagt haben, schon die Einheitsschule für die Grundschule keine so gute Idee ist und die Kindertageseinrichtungen als Elementarstufe Teil unseres Bildungssystems werden müssen. Die "Bildungspflicht" sollte grundsätzlich auf die Vollendung des dritten Lebensjahres ausgeweitet werden. Nur dann kann man die Elementarstufe nutzen, um dafür zu sorgen, daß alle Kinder schulfähig werden und alle Kinder tatsächlich die gleichen Startchancen haben. Das wäre ein "Startchancenprogramm", das diesen Namen verdient.
Erlauben Sie mir - bei Interesse - einen kurzen Exkurs zu meinen Gedanken zum Thema:
Statt ständig über Schulformen zu diskutieren, müssen wir das bisherige System optimieren. Man sollte sich endlich intensiv Gedanken über Lehrmethoden, Lerninhalte und Lernziele, um Lehr- und Lernmittel und deren Finanzierung ("Lernmittelfreiheit"), die Ausstattung und Gestaltung der Schulen und die Anzahl, die Qualifikation und die Motivation der Lehrer machen. Es darf nicht sein, daß der Bildungserfolg davon abhängt, ob man die "richtige" Schule ausgewählt, den "richtigen" Lehrer erwischt und/oder die "richtigen" Eltern hat. Bildung darf nicht länger vom Glück und von Zufällen abhängen. Die Bildungsarbeit wird immer mehr aus den Schulen in die immer spärlichere Freizeit der Schüler und die Elternhäuser ausgelagert... Glück für die, die Eltern haben, die die Lehrer ersetzen oder sich professionelle Hilfe leisten können... Und dann wundern sich alle, wenn die soziale Herkunft zu Bildungsunterschieden führt... Gerade in der jüngeren Vergangenheit "dank" der Folgen der COVID-19-Pandemie ist dies mehr als deutlich geworden. Bekannt ist es aber schon sehr lange. "Schüler von heute werden in Schulen von gestern mit den Methoden von vorgestern auf Probleme von übermorgen vorbereitet!" Wo sind die Sozialarbeiter, Schulpsychologen, IT-Fachleute und anderen Berufsgruppen, um die Lehrer zu unterstützen und von allem zu entlasten, das nicht zu ihren Kernaufgaben gehört? Nach meinem Eindruck kommen in der Lehrerausbildung die wesentlichen Kompetenzen nach wie vor viel zu kurz. Es gibt gute Lehrer, keine Frage, aber es ist eher Glückssache für Schüler, solche Lehrer zu erwischen. In den Mittelpunkt der Aus- und Weiterbildung gehören die neuesten Erkenntnisse der Pädagogik, der Psychologie und inzwischen wohl auch der Neurowissenschaften. Sie müssen lernen, sich selbst und ihre Schüler zu motivieren, auch auf sich selbst zu achten und sich zu schützen, Kenntnisse und Fertigkeiten engagiert und altersgerecht zu vermitteln, die Stärken und Schwächen ihrer Schüler zu erkennen und in ihrem Unterricht zu berücksichtigen und aktiv und konstruktiv mit ihren Schülern und deren Erziehungsberechtigten zu kommunizieren. Ich muß gestehen, daß ich die pädagogischen und psychologischen Qualifikationen und auch die eigene Motivation der Lehrer für deutlich wichtiger halte, als Experte in ihrem Unterrichtsfach zu sein. Pädagogische Freiheit ist gut und richtig, solange sie positiv für die Schüler und damit für unsere Gesellschaft ist. Sie darf aber nicht dazu führen, daß der eine oder andere Lehrer sich auf dem ausruht, was er vor 20, 30 oder 40 Jahren mal gelernt und für gut und richtig befunden hat, vielleicht auch mal funktioniert und gepaßt hat. Wir müssen dafür sorgen, daß die guten Ideen, Konzepte, Lehr- und Lernmethoden sowie -mittel bei allen Schulen und Lehrern bekannt sind und genutzt und umgesetzt werden - und zwar bundesweit und auch mit dem Blick über die Grenzen Deutschlands. Dafür braucht es eine Stelle, die für diese Transparenz und Information sorgt, und deutlich mehr Fort- und Weiterbildung, aber auch die nötige Fachaufsicht. Wir brauchen mehr Wettbewerb zwischen den Schulen um Schüler, um qualifizierte und motivierte Lehrer, um erfolgversprechende Lehrmethoden und um geeignete Lernmittel. Wir brauchen Schulen, die sich als Dienstleister für ihre Schüler und deren Erziehungsberechtigten und damit letztlich für unsere Gesellschaft verstehen. Daher bin ich für größtmögliche Autonomie der Schulen, allerdings auch für Mindeststandards und zentrale Prüfungen durch externe Prüfer, und die Idee der Bildungsgutscheine von Milton Friedman, um die Schulen zu finanzieren. Damit entscheiden die Schüler bzw. deren Eltern, welcher Schule das Geld zukommt - aufgrund von regelmäßigen Bewertungen der Schulen durch eine unabhängige Stelle ("Ratingagentur"). Unsere Schulen - und auch die "Kultusbürokratie" - müssen endlich im 21. Jahrhundert ankommen!
Herzlich willkommen!