E-Mail an Katja Suding am 14. November 2025

Betreff: Ihr Buch, Sie und ich

Datum: Fri, 14 Nov 2025 11:05:03 +0100

Von: Wolfgang Gerstenhöfer <[email protected]>

An: [email protected]

 

Sehr geehrte Frau Suding,

 

schön wäre es, wenn Ihr Buch "Reißleine - Wie ich mich selbst verlor und wiederfand" dazu beigetragen hätte und beitrüge, daß Menschen deutlich früher "die Reißleine, die Notbremse ziehen" und einen "neuen Weg einschlagen", einen Weg, der besser zu ihnen paßt, auf dem sie sich wohl fühlen und mit dem sie zufrieden sind.

 

Ob es mir geholfen hätte, wenn es nicht am 28. März 2022, sondern bereits 15 oder 20 Jahre früher erschienen wäre? Vielleicht. Ich weiß es nicht.

 

In jedem Fall habe ich Ihr Buch inzwischen mit großem Interesse gelesen. Vielen Dank dafür.

 

Bitte sehen Sie es mir nach, daß ich Ihnen schreibe und damit in Ihre Privatsphäre eindringe. Ich würde mich freuen, wenn Sie meine E-Mail lesen. Eine Antwort erwarte ich selbstverständlich nicht, obgleich ich mir einen Erfahrungs-, Gedanken- und Meinungsaustausch mit Ihnen sehr erkenntnisreich und spannend vorstelle.

 

Mir kam das eine oder andere sehr bekannt vor, es gibt viele Parallelen und Gemeinsamkeiten, auch wenn ich in der FDP, die mir seit 1983/84 sehr wichtig ist, aus verschiedenen Gründen nicht die Karriere gemacht habe, die Sie eingeschlagen haben.

 

FDP - eine Chronik

 

Die Geschichte der liberalen Parteien

 

Meine FDP-Mitgliedschaft

 

Ihre Offenheit und Ehrlichkeit ist bewundernswert, sie hat mir sehr gefallen und verdient allerhöchsten Respekt, ganz unabhängig davon, welche Rolle die "kleine Katja" dabei gespielt haben mag. Meine Hochachtung!

 

Als Sie anläßlich der Wahl der 20. Hamburgischen Bürgerschaft am 20. Februar 2011 Spitzenkandidatin der FDP Hamburg wurden, war ich gerade - ähnlich wie Sie im Jahr 2020 - sehr stark mit mir selbst beschäftigt - vom September 2010 bis zum März 2011. Auch bei mir ging es letztendlich um mein inneres Kind, um Glaubenssätze und Gedankenmuster, um Gerechtigkeit, Sichtbarkeit und Wertschätzung.

 

"Die Arbeit ist oft unbequem, die Faulheit ist es nicht, trotzdem: der kleinste Ehrgeiz, hat man ihn, ist stets der Faulheit vorzuziehn!"

 

Mein Sand hieß Aicy, ein Alaska Malamut, dem leider nur sieben Lebensjahre vergönnt waren, davon die letzten zwei Jahre bei meiner Familie und mir.

 

Unsere Tiere

 

Fast hätte ich mich im September 2014 an der Gründung der Partei "Neue Liberale" beteiligt. Man wollte mich aber nicht dabei haben. Im nachhinein bin ich sehr froh darüber. (Ich hatte von 2011/12 bis 2014 einen kurzen Abstecher in die Piratenpartei Deutschland gemacht.)

 

Neue Liberale - neu ja, aber liberal

 

Die Piraten - ein fataler Irrtum

 

Das erste Mal so richtig wahrgenommen habe ich Sie erst zu Beginn des Jahres 2015 - im Zusammenhang mit Ihrer erneuten Spitzenkandidatur anläßlich der Wahl der 21. Hamburgischen Bürgerschaft am 15. Februar 2015 und dem neuen Auftritt der FDP, der mich sehr verstört, enttäuscht und geärgert hat, bis heute fassungslos und wütend macht.

 

FDP - Dreikönigstreffen 2015

 

Freie Demokraten oder Liberale

 

Ohne seinerzeit viel über Sie zu wissen, hatte ich einen positiven Eindruck von Ihnen und große Hoffnungen in Sie gesetzt. Mir gefiel auch der Slogan "Unser Mann für Hamburg - Hamburg gibt die Richtung vor", noch mit dem "richtigen" FDP-Logo.

 

Sie haben sich im Laufe der folgenden fünf Jahre leider nicht erfüllt - ganz im Gegenteil, vor allem im Vorfeld der Wahl des Deutschen Bundestages am 24. September 2017 war ich sehr enttäuscht von Ihnen.

 

In der ARD-Sendung "Überzeugt uns! Der Politikercheck" am 21. August 2017 hatten Sie zum Beispiel für die Frei(heitlich)en Demokraten erklärt, daß Sie für ein Mehr an Zeitarbeitsverträgen, an befristeten Arbeitsverträgen seien. Die Menschen müßten sich an die sich verändernde Arbeitswelt, an die Wirtschaft anpassen. Für mich ist das nicht liberal, sondern eher kapitalistisch. Für Liberale - zumindest nach meinem Verständnis - ist die Wirtschaft für die Menschen und sind nicht die Menschen für die Wirtschaft da.

 

Liberalismus - wie ich ihn sehe

 

Marktwirtschaft

 

Auch Ihren Blick auf die Maßnahmen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Ich teile die Sicht von Gerhart Baum. Haben Sie ihn persönlich kennengelernt?

 

Gerhart Baum - Das liberale Gewissen der FDP

 

Gerhart Baum - sein Leben

 

In NRW hätte die FDP - auch und gerade im Hinblick auf Kinder und Jugendliche - mit Yvonne Gebauer und Joachim Stamp zeigen können, wie man es besser macht: Fehlanzeige, Totalausfall, zumindest nach meinem Eindruck, auch als Vater. Meine beiden Töchter wurden in den Jahren 2000 und 2002 geboren. Ihre Mutter, meine Frau ist im Jahr 2014 gestorben.

 

Ich kann mich allerdings gut an einen Aufenthalt in Hamburg vom 6. bis zum 9. Juli 2021 erinnern, als ich mir dachte, das kommt davon, daß man einen Arzt zum Regierungschef, zum Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg wählt:

 

Erst Ende August 2021 wurde für alle Publikumseinrichtungen die 2G-Option eingeführt. In NRW galt dies nach meiner Erinnerung bereits seit Anfang Juli 2021.

 

(Nur am Rande: Daß Bremen und Hamburg Bundesländer sind, stellt für mich einen Atavismus dar. Für mich gehören Bremen zu Niedersachsen und Hamburg zu Schleswig-Holstein. Ansonsten müßten Frankfurt am Main und Lübeck oder sogar alle ehemaligen Freien Städte oder Hansestädte Bundesländer sein.)

 

Ihr Rückzug, den Sie am 5. September 2020 erklärt haben, hatte mich überrascht, aber aufgrund meiner kritischen Sicht auf Ihre poltischen Positionen seinerzeit auch gefreut. Ich habe Sie zu den Freiheitlichen, nicht zu den Liberalen in der FDP gezählt.

 

Wegen meiner Überraschung damals habe ich mir Ihr Buch dann doch dieses Jahr gekauft und es an den vergangenen Tagen sehr aufmerksam und mit wachsender Neugierde gelesen. Es kann sein, daß ich Ihnen mit meiner Einordnung unrecht getan habe. Auch deshalb schreibe ich Ihnen - unaufgefordert.

 

Liberale ./. Freiheitliche

 

75 Jahre FDP

 

Ähnlich wie Ihnen kostete es mich immer sehr viel Kraft, sehr viel Energie, vor einer größeren Gruppe von Menschen zu sprechen. Ich war immer sehr aufgeregt und nervös, angemerkt hat man es mir wohl auch nie.

 

Ich wollte schon im Alter von 16 Jahren politisch etwas bewegen, verändern, angestoßen durch die Bonner Wende, aber es kostete mich immer wieder große Überwindung zu Parteiveranstaltungen zu gehen. Da waren immer zwei Stimmen: Die eine wollte, daß ich aktiv werde, in die Welt hinausgehe. Die andere wollte, daß ich zu Hause bleibe, in meinem geschützten Raum.

 

Ihr Bild von dem Panzer, mit dem man sich umgibt, der immer dicker, undurchdringlicher und damit auch schwerer wird, den man aber nicht mehr loswird, nicht einfach an- und ausziehen kann, paßt sehr gut.

 

Und trotz des Panzers fehlte und fehlt mir - anscheinend wie Ihnen - öfter die notwendige Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und das eine vom anderen zu unterscheiden.

 

Auch ich habe in der FDP "Freund, Feind, Parteifreund" oder gar "Feind, Erzfeind, Parteifreund" erlebt, übrigens noch viel schlimmer bei den Piraten, habe im Unterschied zu Ihnen in Sachen Parteiarbeit allerdings deutlich früher "die Reißleine gezogen" und mich auf meine berufliche Entwicklung konzentriert, als Betriebsredakteur, Pressesprecher, Experte für Corporate Identity und Publishing sowie Kommunikationsberater.

 

Bekannt ist mir ebenfalls das sogenannte Hochstapler-Syndrom. Ich war in meinem Beruf quasi ein Quereinsteiger und Autodidakt. Ich hatte mich gegen ein Studium und für eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann entschieden. Dennoch wurden und waren Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation mein Metier.

 

Kundenorientierung, -bindung und -kommunikation sowie Beschwerde- und Veränderungsmanagement waren und sind meine Steckenpferde.

 

Kommunikationsberatung

 

Berufswunsch und -wirklichkeit

 

Bei mir haben dann Bossing über fast neun Jahre, der Verlust meiner Aufgabenbereiche und ein Wechsel von Köln nach Düsseldorf aufgrund unternehmerischer Umstrukturierungen dazu geführt, daß ich meine Arbeits- und Erwerbsfähigkeit verloren habe. Zuletzt sollte es um Corporate Social Responsibility bzw. Corporate Citizenship gehen, durchaus reizvolle Themen, aber im falschen Umfeld.

 

Robert Enke verdanke ich es in gewisser und morbider Weise, daß es mir nicht auch so wie ihm ergangen ist und ich noch lebe.

 

Sowohl Therapien, ambulant und stationär, insbesondere angewandte Kinesiologie und energetische Psychotherapie, als auch Medikamente haben mir geholfen und helfen mir immer noch, auch das Vermeiden "auslösender Faktoren", soweit dies im Alltag möglich ist - und meine Frau, als sie noch lebte, und natürlich meine Kinder.

 

Es hat mich für Sie sehr gefreut, daß Sie im Jahr 2020 auf das von Ihnen beschriebene Seminar gestoßen sind (oder gestoßen wurden) und dieses Ihr Leben positiv beeinflußt und verändert hat, daß Sie den Mut zu einem klaren Schnitt und einem radikalen Neuanfang hatten. Dieser Mut hat mir gefehlt, auch wegen meiner Familie, die ich immer gut versorgt wissen wollte. Ich war aber auch nie der Typ für eine selbständige Tätigkeit. Ich habe zu lange "funktioniert und durchgehalten".

 

Zum Ende Ihres Buches habe ich mich gefragt, ob Sie nicht die bessere Bundesministerin für Bildung und Forschung gewesen wären und mit Ihnen auch die Ampel-, die sogenannte Fortschrittskoalition, auf die ich große Hoffnungen gesetzt hatte, auch für die FDP selbst, anders verlaufen wäre. Was-wäre-wenn-Fragen sind allerdings in aller Regel müßig. Niemand kann sie wirklich abschließend beantworten.

 

Antwort an Gyde Jensen

 

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen auf Ihrem eingeschlagenen Weg und hoffe, daß Sie auf Ihrer weiteren Lebensreise das erreichen, was Sie sich vorgenommen haben und Ihnen Ihr innerer Zufluchtsort immer zur Verfügung steht - auch mit Blick auf Ihre beiden Söhne, denen ich ebenfalls alles Gute, viel Glück und Erfolg sowie Gesundheit, Lebensfreude und Zufriedenheit wünsche.

 

Vielleicht läuft man sich mal in Hamburg über den Weg. Mein Freund und ich sind in der Regel mindestens einmal im Jahr für ein paar Tage im "Venedig des Nordens".

 

Mit freundlich-liberalen Grüßen von Erft und Rhein an Alster und Elbe

Ihr Wolfgang Gerstenhöfer

liberal - freiheitlich und gleichzeitig sozial

 

Zaunkönigweg 5

50189 Elsdorf/Rheinland

 

Ich muß gestehen, daß Sie mir gar nicht als Bildungspolitikerin in Erinnerung geblieben sind. Bildungs- Erziehungs- und Schulpolitik gehören auch zu den Politikbereichen, die mich seit meiner eigenen Schulzeit, als Onkel eines Neffen und als Vater besonders stark interessieren.

 

Auf der Grundlage der liberalen Grundwerte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geht es mir vor allem um Chancengleichheit, um gleiche Startchancen für alle Kinder, für alle Menschen. Es hat mich daher auch sehr erstaunt, daß die Frei(heitlich)en Demokraten irgendwann anstelle der Forderung von Chancengleichheit die Forderung von Chancengerechtigkeit von der CDU übernommen haben. Was sollen gerechte Chancen sein? Bildung ist ein Bürgerrecht, und keine Bildung ist zu teuer. Sie ist die Basis für das Aufstiegsversprechen der liberalen Marktwirtschaft. Auch Integration basiert primär auf Bildung - und Arbeit. Liberale Vorbilder sind für mich in diesem Bereich Hildegard Hamm-Brücher und Ralf Dahrendorf.

 

Ich bin für das Recht auf Bildung und deswegen auch grundsätzlich für die Pflicht, eine Schule aufzusuchen. In Einzelfällen könnte man über eine Bildungspflicht diskutieren. Ich halte allerdings das gemeinsame Lernen auch für einen wichtigen Aspekt an sich.

 

Von Einheits-, von Gesamtschulen halte ich gar nichts. Die SPD machte in den 1970er Jahren die integrierte Gesamtschule zum schulreformerischen Kernstück ihrer Politik. Die Grünen waren und sind in dieser Hinsicht seit 1980 in deren Fußstapfen getreten. Sie wollen die Gymnasien, die Real- und Hauptschulen zugunsten "ihrer" Gesamtschule beseitigen.

 

Die von den Sozialdemokraten und dann auch von der Partei "Bündnis 90/Die Grünen" propagierte Idee der Gesamtschule halte ich für in der Praxis gescheitert, weil unsere Gesellschaft nicht bereit und vielleicht auch gar nicht in der Lage dazu ist, das dafür nötige Geld in die Bildung zu investieren. Das mag man bedauern, ist aber eine Tatsache. Daher halte ich auch nichts davon, ständig über Schulformen zu diskutieren statt das bisherige System zu optimieren.

 

Ich bin für die Kombination aus Binnen- und Außendifferenzierung, auch da ein Wechsel zwischen den Schulformen grundsätzlich jederzeit möglich ist und sein muß. Ist es nicht schon in der Grundschule so, daß ein Teil der Kinder über- und ein anderer Teil unterfordert ist? Schulzentren, die Kindertagesstätten, Grund-, Haupt- und  Realschulen sowie Gymnasien räumlich miteinander vereinen und auch für gemeinsame Aktivitäten und Projekte sorgen, halte ich für eine gute und sinnvolle Alternative zu Gesamtschulen. Kindertageseinrichtungen sollten ab dem 3. Lebensjahr als Elementarbereich Teil des Schulsystems werden - gebührenfrei und verpflichtend.

 

Wir brauchen eine liberale Bildungsreform, die sich endlich intensiv Gedanken über Lehrmethoden, Lerninhalte und -ziele, um Lehr- und Lernmittel und deren Finanzierung ("Lehrmittelfreiheit"), die Ausstattung und Gestaltung der Schulen und die Anzahl, die Qualifikation und die Motivation der Lehrer macht - statt über Schulformen und neue Unterrichtsfächer.

 

Es darf nicht sein, daß der Bildungserfolg davon abhängt, ob man die "richtige" Schule ausgewählt, den "richtigen" Lehrer erwischt und/oder die "richtigen" Eltern hat. Bildung darf nicht länger vom Glück und von Zufällen abhängen. Die Bildungsarbeit wird immer mehr aus den Schulen in die immer spärlichere Freizeit der Schüler und die Elternhäuser ausgelagert ... Glück für die, die Eltern haben, die die Lehrer ersetzen oder sich professionelle Hilfe leisten können ... Und dann wundern sich alle, wenn die soziale Herkunft zu Bildungsunterschieden führt ...

 

Gerade in der jüngeren Vergangenheit "dank" der Folgen der COVID-19-Pandemie ist dies mehr als deutlich geworden. Bekannt ist es aber schon sehr lange:

 

 "Schüler von heute werden in Schulen von gestern mit den Methoden von vorgestern auf Probleme von übermorgen vorbereitet!"

 

Wo sind die Sozialarbeiter, Schulpsychologen, IT-Fachleute und anderen Berufsgruppen, um die Lehrer zu unterstützen und von allem zu entlasten, das nicht zu ihren Kernaufgaben gehört?

 

Nach meinem Eindruck kommen in der Lehrerausbildung die wesentlichen Kompetenzen nach wie vor viel zu kurz. Es gibt gute Lehrer, keine Frage, aber es ist eher Glückssache für Schüler, solche Lehrer zu erwischen. In den Mittelpunkt der Aus- und Weiterbildung gehören die neuesten Erkenntnisse der Pädagogik, der Psychologie und inzwischen wohl auch der Neurowissenschaften. Sie müssen lernen, sich selbst und ihre Schüler zu motivieren, auch auf sich selbst zu achten und sich zu schützen, Kenntnisse und Fertigkeiten engagiert und altersgerecht zu vermitteln, die Stärken und Schwächen ihrer Schüler zu erkennen und in ihrem Unterricht zu berücksichtigen und aktiv und konstruktiv mit ihren Schülern und deren Erziehungsberechtigten zu kommunizieren. Ich muß gestehen, daß ich die pädagogischen und psychologischen Qualifikationen und auch die eigene Motivation der Lehrer für deutlich wichtiger halte, als Experte in ihrem Unterrichtsfach zu sein.

 

Das Buch "Anna, die Schule und der liebe Gott - Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern" von Richard David Precht vom 15. Dezember 2014 kann ich sehr empfehlen:

 

"Unsere Kinder, die heute eingeschult werden, gehen im Jahr 2070 in Rente. Doch wir überfrachten sie mit Wissensstoff, den sie für ihr Leben kaum brauchen werden. Statt ihnen dabei zu helfen, Neugier, Kreativität, Originalität, Orientierung und Teamgeist für eine immer komplexere Welt zu erwerben, dressieren wir sie zu langweiligen Anpassern. Demgegenüber stehen die Erkenntnisse der modernen Entwicklungspsychologie, der Lerntheorie und der Hirnforschung, die an unseren Schulen bis heute kaum berücksichtigt werden. Denn nur was mit Neugier gelernt wird, wird unseren Kindern wichtig und bedeutsam. Und nur was ihnen bedeutsam ist, weckt ihre Kreativität und spornt die Leistungsbereitschaft an. Der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht fordert: Unsere Schulen müssen völlig anders werden als bisher. Wir brauchen andere Lehrer, andere Methoden und ein anderes Zusammenleben in der Schule. Mit einem Wort: Wir brauchen keine weitere Bildungsreform, wir brauchen eine Bildungsrevolution!"

 

Pädagogische Freiheit ist gut und richtig, solange sie positiv für die Schüler und damit für unsere Gesellschaft ist. Sie darf aber nicht dazu führen, daß der eine oder andere Lehrer sich auf dem ausruht, was er vor 20, 30 oder 40 Jahren mal gelernt und für gut und richtig befunden hat, vielleicht auch mal funktioniert und gepaßt hat. Wir müssen dafür sorgen, daß die guten Ideen, Konzepte, Lehr- und Lernmethoden sowie -mittel bei allen Schulen und Lehrern bekannt sind und genutzt und umgesetzt werden - und zwar bundesweit und auch mit dem Blick über die Grenzen Deutschlands. Dafür braucht es eine Stelle, die für diese Transparenz und Information sorgt, und deutlich mehr Fort- und Weiterbildung, aber auch die nötige Fachaufsicht.

 

Wir brauchen mehr Wettbewerb zwischen den Schulen um Schüler, um qualifizierte und motivierte Lehrer, um erfolgversprechende Lehrmethoden und um geeignete Lernmittel. Wir brauchen Schulen, die sich als Dienstleister für ihre Schüler und deren Erziehungsberechtigten und damit letztlich für unsere Gesellschaft verstehen. Daher bin ich für größtmögliche Autonomie der Schulen, allerdings auch für Mindeststandards und zentrale Prüfungen durch externe Prüfer, und die Idee der Bildungsgutscheine von Milton Friedman, um die Schulen zu finanzieren. Damit entscheiden die Schüler bzw. deren Eltern, welcher Schule das Geld zukommt - aufgrund von regelmäßigen Bewertungen der Schulen durch eine unabhängige Stelle ("Ratingagentur").

 

Unsere Schulen - und auch die "Kultusbürokratie" - müssen endlich im 21. Jahrhundert ankommen!

 

Und noch ein Aspekt:

 

Kinder müssen sehr frühzeitig mit der Demokratie vertraut gemacht werden. Sich für die Gemeinschaft, für das Gemeinwesen zu engagieren und einen Gemeinsinn zu entwickeln, sollte ein Ziel unseres Bildungssystems sein. Es hat unter anderem die Aufgabe, aus Kindern demokratische Staatsbürger und Mitglieder der Gesellschaft zu machen. Politische Bildung und Geschichte finden in den Schulen kaum noch statt, und alle wundern sich dann über die politische Einstellung oder die Politik-, Parteien- und Demokratieverdrossenheit vieler Menschen. So brauchen wir nach meiner Überzeugung in den Schulen viel mehr politische Bildung ("Staatsbürgerkunde") und auch viel mehr gelebte Demokratie, "politischere" Schulen, mit realer Mitbestimmung und -verantwortung, Diskussionen und Debatten.

 

Die Grundlagen für den Zusammenhalt der Gesellschaft und das demokratische Engagement für unser Gemeinwesen müssen in den Kindertagesstätten und Schulen gelegt werden. Die Schulen können und müssen genutzt werden, um Demokratie, Solidarität und Zusammenhalt zu lernen und zu üben, auch durch Projektarbeiten im Bereich der Nachbarschaftshilfe, z. B. gemeinsam mit Jugend- und Senioreneinrichtungen, Krankenhäusern oder anderen sozialen Einrichtungen in der Umgebung.

 

Vor einiger Zeit habe ich einen sehr interessanten Fernsehbeitrag gesehen, in dem eine Kindertagesstätte vorgestellt wurde, in der bereits Demokratie gelehrt, gelernt, gelebt wird. Vorbildlich.